Aktualisiert: 29. Mai 2026
Die Lust an der Überwältigung
Sexuelle Fantasien bereichern unser Liebesleben und nahezu alle Menschen kennen und erregen sich damit irgendeiner Form. Manche werden offen geteilt, mit dem Partner oder der Freundin. Über andere sprechen wir selten bis gar nicht: Unterwerfungs- und Vergewaltigungsfantasien. Diese Fantasien sind ein Tabuthema. Sie passen oft weder zum eigenen Selbstbild noch zu gesellschaftlichen Vorstellungen von weiblicher Sexualität. Gerade deshalb führen sie bei vielen zu Scham, Unsicherheit und innerem Konflikt.
Auch meine Romanfigur Viktoria aus der Trilogie „Theater der Lust“ beschreibt diesen Widerspruch. Sie sagt über sich: „Ich weiß, dass ich die Fantasien aktiv gestalte, doch dafür schäme ich mich. Es ist wie bei einem Abend, an dem man zu viel trinkt. Man weiß, dass es nicht gut ist, und trinkt doch, weil es in dem Moment Spaß macht. Erst am anderen Tag kommt der Kater.“
Viktoria verfolgt im Roman viele Ansätze, wo die Fantasien ihren Ursprung haben könnten.
Viktoria fragt sich, welche Bedeutungen in ihnen liegen und wo sie ihren Ursprung haben könnten.
Studien zeigen, dass solche Fantasien verbreiteter sind, als viele vermuten. Bis zu 57 % der Frauen nutzen Vergewaltigungsfantasien, um sich zu erregen. Da diese Fantasie gesellschaftlich als inakzeptabel gilt, liegt die Dunkelziffer wahrscheinlich höher. Übrigens: Auch Männer fantasieren manchmal, zum Sex gezwungen zu werden.
Reale Vergewaltigungen sind traumatisch
Eine Vergewaltigung ist kein Sex, sondern sexualisierte Gewalt. Es ist die Inbesitznahme des Körpers gegen den Willen der Person. Reale Vergewaltigungen sind nicht lustvoll, sondern traumatisch.
Wenn eine Frau fantasiert, „vergewaltigt“ zu werden, entspricht dies keiner tatsächlichen Vergewaltigung. Der Mann ist in dem Setting der Mann ihres Begehrens und handelt nach ihren Anweisungen – er zieht die ich-Figur an den Haaren, schlägt sie, fesselt sie und vieles mehr, doch er ist nie eine wirkliche Bedrohung! Seine Handlung verursacht keine physischen oder psychischen Schäden. Die Frauen, die in den Studien angaben, dass sie die Vorstellung errege, zum Sex gezwungen zu werden, betonten ausdrücklich dies nicht erleben zu wollen.
Falls Sie also in ihrem Kopf solche Szenen entwerfen: Sie sind keine Ausnahme!
In meiner Romantrilogie „Theater der Lust“ ist Viktoria Stellvertreterin für die Frauen, die diese Fantasien ängstigen. Sie sagt: „Von Zeit zu Zeit rufe ich sie, damit sie mich erregen, auch wenn sie brutal sind. Ich kann nicht damit aufhören. Sie sind wie eine Droge, die das Gehirn überschwemmt.“
Vielen Frauen geht es wie Viktoria. Sie schämen sich für dieses Setting und denken, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Im schlimmsten Fall glauben sie, an einer Vergewaltigung selbst mit Schuld zu sein. Doch Frauen mit solchen Fantasien werden nicht häufiger als andere Frauen Opfer einer Vergewaltigung.
Es wäre also besser ihnen einen neuen Namen zu geben. Wie wäre es mit „Überwältigungs-Fantasie“?
Masochismus liegt nicht in der Natur der Frau
In einem Artikel in The Journal of Sex Research untersuchen die PsychologInnen Joseph W. Critelli und Jenny M. Bivona verschiedenen Theorien für die Ursachen. Zum Beispiel, ob damit eine generelle Lust an Unterwerfung und Schmerz einhergeht, denn bei masochistisch veranlagten Frauen tauchen verstärkt Überwältigungs-Fantasien auf. Doch Masochismus liegt nicht in der Natur der Frau, wie es bis weit ins 20. Jahrhundert behauptet wurde. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil an Masochisten lediglich bei 5 % bis 10 % Prozent und fällt somit als allgemein gültige Erklärung weg.
Ich kann nichts dafür – Schuldvermeidung
Eine weitere oft zitierte Theorie ist die „sexuelle Schuldvermeidung“, schließlich wurde und wird die weibliche Sexualität in fast allen Kulturen massiv unterdrückt. Sexuell aktive Frauen gelten heute noch als „Schlampen“ oder „Flittchen“. Um sich also wegen ihres Verlangens nicht schuldig zu fühlen, fantasiert Frau sich einen geilen Typen herbei, hat tollen Sex mit ihm, stellt jedoch für sich klar, dass die ich-Figur, die das alles erlebt, keine Einwilligung gegeben hat. Problem gelöst!
Tatsächlich neigen Frauen, die Schuldgefühle haben, eher zu Überwältigungs-Fantasien. Dementsprechend müssten Frauen mit positiver Einstellung zur Sexualität eine geringere Tendenz dazu zeigen. Das Gegenteil ist der Fall. Je größer die Bandbreite sexueller Erfahrungen, desto vielfältiger die Fantasien, inklusive Überwältigungs-Fantasien. Außerdem erklärt die Schuldvermeidungs-Theorie nicht, dass die meisten Frauen beides haben: Fantasien von einvernehmlichem und nicht einvernehmlichem Sex. Folglich kann sie nur für einen Teil der Frauen Gültigkeit haben.
Die Sexfantasie als Lösungsversuche unseres Gehirns
Überwältigungs-Fantasien sind also vor allem Szenarien, die schnell erregen. Noch finden weder die Frauen in meiner Romantrilogie noch wissenschaftliche Forschende eine Erklärung, die für alle Fantasierenden passt. Müssen sie auch nicht – das Ziel sollte sein, diese von tiefer Scham begleitete und von vielen als völlig unverständlich angesehene Fantasie zu enttabuisieren, indem häufiger darüber gesprochen wird, was sie bedeuten kann, individuell und gesellschaftlich.
Solange Sie keinen Leidensdruck haben, machen Sie einfach weiter. Wenn Sie sich dafür interessieren, welche Botschaften diese Fantasie für Sie bereithält, fragen Sie sich ganz entspannt: Was gibt mir die Fantasie? Was darin könnte etwas mit mir zu tun haben? Mit welchen sexuellen Aktivitäten des Überwältigers bin ich durchaus einverstanden? Somit haben Sie einen Ideenpool für Ihr Sexleben.
Bis hierher zeigen sich Überwältigungsfantasien vor allem als etwas, das viele Frauen betrifft und dennoch selten offen ausgesprochen wird. Zwischen Scham, Irritation und heimlicher Vertrautheit entsteht ein Spannungsfeld, das sich nicht mit einer einzigen Erklärung auflösen lässt. Die Frage ist nicht nur, warum solche Fantasien entstehen, sondern auch, aus welchen unterschiedlichen Ebenen heraus sie verstanden werden können.
Die Forschung nähert sich diesem Phänomen deshalb nicht mit einer einzigen Antwort, sondern mit mehreren Deutungsversuchen. Manche setzen bei der psychologischen Wirkung an, andere bei kulturellen Prägungen, wieder andere bei körperlichen Prozessen oder biografischen Erfahrungen. Keine dieser Perspektiven erklärt alles – aber jede beleuchtet einen Teil dessen, was in solchen Fantasien sichtbar wird.
Im Folgenden werden diese unterschiedlichen Sichtweisen erläutert, nicht um eine eindeutige Wahrheit zu finden, sondern um die Vielschichtigkeit dieses inneren Geschehens besser zu verstehen.
Unwiderstehlichkeit statt Vergewaltigung
Die Sexualforscherin Marta Meana bietet eine sehr verführerische Lösung an: Überwältigungs-Fantasien entspringen nach ihren Beobachtungen dem Wunsch, als Frau so attraktiv zu sein, dass der Mann oder gleich mehrere Männer die Kontrolle verlieren und jegliche Verbote missachten, um Sex mit der ich-Figur der Fantasierenden zu haben! Die Vergewaltigung als Beweis ihrer Unwiderstehlichkeit –eine Abkürzung zum Orgasmus.
Ob diese Theorie das Rätsel löst, ist noch nicht hinreichend untersucht worden. Stellt sie sich als wahr heraus, wäre die Bezeichnung „Unwiderstehlichkeits-Fantasie“ angemessen.
Die Frauen in meine Romantrilogie „Theater der Lust“ sind übrigens geteilter Meinung: Die einen finden die „Unwiderstehlichkeits-Fantasie“ glaubwürdig, die anderen meinen, dass damit von der wahren Ursache, der Re-Inszenierung von Machtlosigkeit, abgelenkt wird.
Sexfantasien als Folge der patriarchalen Kultur?
Ist die Überwältigungs-Fantasie eine Folge der Kultur, in der wir leben? Auf der einen Seite befindet sich der Mann, der erobert, auf der anderen die Frau, die Sex lediglich passiv erleben darf. Sie könnte eine Antwort auf den Sexismus in der Werbung, in Büchern, in Filmen und Musik sein. Eine Antwort auf die tausendfach reproduziert Darstellung von Frauen als Objekte männlicher Bedürfnisse und Projektionen. In der dominantes Verhalten von Männern heroisiert und sexualisierte Gewalt romantisiert oder als „härterer Sex“ dargestellt wird. Frauen hingegen werden für jede Abweichung von der Norm bestraft und für Willenlosigkeit gelobt. Sexualität auf Augenhöhe findet kaum statt. Er steht, sie kniet. Die These, dass Frauen versuchen ihre Sexualität im Kontext männlicher Wünsche zu finden, wird von der Psychologin Sandra Konrad vertreten. Sie meint, der Wunsch begehrt zu werden ist nicht das Problem – die Verzerrung entsteht, wenn „er will mich“ wichtiger wird als „was will ich?“.
Dazu kommt die Darstellung von Sexualität im Porno. Ein Viertel der Porno-Konsumenten sind Frauen. Bereits in Studien aus den 1990er Jahren wurde erfasst, dass Frauen mit Überwältigungs-Fantasien mehr Pornografie konsumierten, als die ohne.
Ob die kulturelle Erklärung ihre Berechtigung hat, werden wir erst wissen, wenn wir in einer tatsächlich gleichberechtigten Gesellschaft leben.
Der Kick mit der Angst
Vermutlich denken wir bei der Ursachenforschung für diese weibliche erotische Fantasie nicht an die Funktionsweise unseres Körpers, sondern suchen nur nach psychologischen Aspekten. Es kann jedoch sein, dass der Reiz im Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus zu finden ist. Ganz allgemein übernimmt der Sympathikus die Kontrolle, wenn unser Körper sich in einer Stresssituation oder in Aktivität befindet. Er signalisiert uns: „Kämpfe oder fliehe“. Wir spüren erhöhten Herzschlag, atmen schneller und unser Blutdruck steigt. Der Parasympathikus übernimmt in der Ruhe- und Regenerationsphase.
Beide zusammen spielen – im Verbund mit Hormonen und Botenstoffen – auch beim Sex eine wichtige Rolle. Der Parasympathikus erhöht den Blutfluss, sorgt für den Gleitfilm in der Vagina, lässt die Klitoris und die inneren Labien anschwellen. Der Sympathikus übernimmt beim Orgasmus. Er löst die rhythmischen Muskelkontraktionen um Vagina und in der Gebärmutter aus.
Koppelt man dies Wissen mit dem Phänomen des Erregungs-Transfers wird es spannend. Ihr kennt das vielleicht aus eigener Erfahrung: Aufregung oder Angst, die man in einer Situation erlebt, überträgt sich auf den Menschen, den man in oder unmittelbar nach diesen erregungsauslösenden Momenten trifft. Deshalb raten Flirtcoachs beim ersten Date zu einem Abenteuer! Danach steigt die Anziehung garantiert – sofern man die Person attraktiv findet. Allerdings verringert sie sich auch, wenn nicht.
In einem „Überwältigungs-Setting“ wird die Angst genutzt, um Erregung zu erzeugen oder zu steigern. Kurz vor dem Orgasmus wird der ich-Person weitere Gefahr angedroht oder Gewalt angetan. Der Sympathikus übernimmt wieder, der Orgasmus wird ausgelöst. So werden durch die fantasierten Erlebnisse biologische Abläufe in Gang gesetzt und für den Orgasmus genutzt. Dies funktioniert hervorragend bei der Selbstbefriedigung und auch mit einem Partner. Beobachten Sie sich ruhig einmal dabei, wann genau Sie die Fantasie einsetzen – eher für sich alleine oder wenn Sie einvernehmlichen Sex mit einem Mann haben?
Laut Critelli und Bivona wurde die Theorie der Sympathikus-Aktivierung noch nicht in Bezug auf Vergewaltigungsfantasien getestet. Die beiden PsychologInnen halten sie jedoch für vielversprechend, da diese biologischen Abläufe gut erklären, wie ein fantasiertes Ereignis, das Angst und Abwehr auslöst, genutzt wird, um ein positives Erlebnis zu verstärken.
Guter Sex braucht es Muskelentspannung, Bewegung und Atmung
Genauso wie die Fantasie den Körper beeinflusst, kann die Art wie der Körper eingesetzt wird, die Fantasie steuern. Für die Psychologin Stefanie Gonin-Spahni verrät eine Überwältigungs-Fantasie zuerst einmal, dass diese Frau mit sehr hohen Muskelanspannung und wenig Bewegung zum Orgasmus kommen will. Doch für guten Sex braucht es Muskelentspannung, Bewegung und Atmung. „Verändert die Frau ihre Erregungstechnik, beispielsweise durch Bewegungs- und Entspannungsübungen, verändert sich damit auch die Fantasie“, ist Gonin-Spahni überzeugt.
Womit wir wieder beim Sympathikus sind, der nicht nur durch Angst und Stress, sondern auch durch Bewegung aktiviert wird.
Überwältigungs-Fantasie und die eigene Biografie
Im Zuge der Re-Inszenierung nutzen manche Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, diese Fantasien nachträglich, um sich ein gewisses Maß an Kontrolle über das Geschehen zurückzuholen. Das unerwünschte Ereignis wird noch einmal mit einem imaginierten Partner durchgespielt. Dieses Mal jedoch mit der Möglichkeit den Stopp-Knopf zu drücken. Sie nutzen sie als Weg aus der Ohnmacht in die Selbstbestimmung.
Frauen re-inszenieren damit jedoch auch kollektive Erfahrungen. Unter den Hashtags #aufschrei und #metoo schreiben Millionen Frauen, wie häufig sie in allen möglichen Situationen ungefragt betatscht werden – im Bus, im Gedränge an der Bar oder beim Tanzen. Das Dominanzgehabe wird von den meisten Frauen als eine ständige Bedrohung und Einschüchterung empfunden. Für manche Frauen beinhalten Überwältigungs-Fantasien den Wunsch, die Kontrolle über den eigenen Körper zu behalten.
Im Umkehrschluss weist das Vorhandensein solcher Fantasien jedoch nicht zwingend auf einen Missbrauch hin. Es können auch andere emotional aufwühlende Erfahrungen aus nichtsexuellen Bereichen sein, die verschlüsselt sexualisiert werden.
Genießen Sie Ihre Sexualität und Kreativität!
Vielleicht liegt der wichtigste Umgang mit solchen Fantasien nicht darin, sie vollständig zu erklären, sondern ihnen einen Raum zu geben, in dem sie betrachtet werden können, ohne sofort bewertet zu werden.
Wo weniger Scham entsteht, wird oft mehr Verstehen möglich. Nicht im Sinne einer endgültigen Deutung, sondern als vorsichtige Annäherung an das eigene innere Erleben.
So gesehen sind diese Fantasien weniger ein Rätsel, das gelöst werden muss, als ein Ausdruck menschlicher Vorstellungskraft – vielschichtig, widersprüchlich und zutiefst persönlich.
Und vielleicht beginnt genau dort ein anderer Umgang mit ihnen: nicht im Urteil, sondern im neugierigen Hinsehen.
Wenn Sie Lesestoff zu dem Thema suchen und sich lustvoll erregen lassen möchten, empfehle ich Ihnen „Theater der Lust“ mit den drei Bänden MUT, RAUSCH und MAGIE
Dieser Artikel erschien zuerst in der Sépareé, einem Hochglanz Erotik Magazin für selbstbewusste Frauen unter dem Titel „Zwing mich – Heimliche Überwältigungsfantasien“
