Schreiben von erotischen Szenen

Aktualisiert: 30. Mai 2026

Die gängige Vorstellung vom Schreiben von erotischer Literatur ist, dass Autor*innen nur das eigene Kopfkino oder eigene erotische Erlebnisse aufschreiben und schon verdienen sie damit viel Geld. Doch so einfach ist es nicht. Es ist überraschend schwierig, Leserinnen und Leser für die Sexualität der Protagonisten zu interessieren.

Eine Lektorin verriet mir, dass sie Manuskripte, die sofort mit der Sexszene beginnen zur Seite legt. Denn: Sex ist für Leserinnen und Leser selten deshalb interessant, weil zwei Menschen miteinander schlafen. Interessant wird er, wenn bereits eine Bindung zur Figur besteht und wir einschätzen können, was er für sie bedeutet. Ausgefallene Praktiken, außergewöhnliche Schauplätze oder spektakuläre Begegnungen führen nicht automatisch zu Interesse. Im Gegenteil: Wissen die Leser*innen zu wenig über die beteiligten Figuren, desto austauschbarer wirkt die Szene. Eine Liebes- oder Sexszene berührt nicht wegen des Sex. Beides berührt wegen der Geschichte, die davor erzählt wurde.

Ein einfaches Beispiel: Wenn jemand das Buch mit einer Szene eröffnet, in der ein Mann den heißesten Sex seines Lebens mit seiner Nachbarin hat, bleibt das zunächst nur eine Information.

Wenn die Leser*innen jedoch bereits wissen, dass dieser Mann seit Jahren treu verheiratet ist, seine Frau liebt, sich aber gleichzeitig in einer Lebenskrise befindet und sich nach Lebendigkeit sehnt, dann bekommt dieselbe Begegnung plötzlich Gewicht.

Taschenbuch Lady Chatterley

Die alleinige Beschreibung von sexuellen Handlungen war für Menschen in den Zeiten interessant, in denen der Zugang zu Informationen über Sex schwierig war. Da hatte der Erotikroman bzw. die erotische Szene durchaus die Aufgabe zu erklären, wie das sexuelle Zusammensein funktioniert. 1928 beschreibt D. H. Lawrence in dem Roman Lady Chatterley ausführlich sexuelle Praktiken – sein Werk sollte auch zur Aufklärung dienen.

Heute muss man niemanden mehr den sexuellen Akt erklären. Macht man es doch, muss es gut motiviert sein, beispielsweise, weil jemand in die Kunst der Erotik oder in eine spezielle Spielart eingeführt wird, es das berühmte erste Mal ist, das mit viel Aufregung und Unsicherheit einhergeht oder die Zielgruppe jung bzw. unerfahren ist. Auch wenn der Mensch voyeuristisch ist und durchs Lesen etwas erleben möchte, was über seine Erfahrung hinausgeht, muss er doch glauben, dass dies die Personen auch tun würden.

Für das Schreiben von erotischen Szenen muss es gute Gründe geben, für das Weglassen auch.

Sex gehört zum Leben der Romanfiguren dazu. Ihn wegzulassen, weil man sich nicht traut, wird nicht gutgeheißen, es reinzuschreiben, weil es gerade en vogue ist, auch nicht. Beides Mal spürt der Lesende, dass dies nicht authentisch ist. Gut, dass es zu jedem Schreibproblem Kurse oder Ratgeber-Literatur gibt.

Eine literarische Sex-Szene ist keine Anleitung für den besten Sex

Das wäre auch ein schwieriges Unterfangen, denn unter „bestem Sex“ stellt sich jede(r) etwas anderes vor, Meine Romane enthalten explizite Sexszenen, weil ich sie nicht einsetze, um den Lesenden zu erklären, wie Sex funktioniert. Welche Berechtigung die erotische Szene in Zeiten von Internetpornografie und Sexfilmen hat und wie Autor*innen sie literarisch nutzen können, sind Inhalte in meinem Kurs zum erotischen Schreiben und meines Schreibratgebers „Dirty Writing – Vom Schreiben schamloser Texte„.

Gerade in dieser intimen Situation sind Menschen und somit auch Figuren verletzlich, offen, sympathisch, unsympathisch, liebevoll, grob … ein ganzes Spektrum an Emotionen seht da zur Verfügung. Ich kann in der Art, wie eine Figur ihre Sexualität auslebt, viel über sie verraten. Erotik ist ein starkes Motiv, um zu handeln oder nicht. Es ist eine gewaltige Triebfeder. Warum sollten Autor*innen das nicht nutzen?

„Alle Schriftsteller sollten sich mit Gewalt und mit Sex befassen, denn das sind zwei treibende Kräfte in unserem Leben. Ich muss diese Themen ansprechen, weil ich als Autor unsere Gesellschaft ständig hinterfrage.“

T. C. Boyle in einem Interview in arte TV

In meinen Kursen lasse ich die Teilnehmenden einen vielversprechenden Anfang einer erotischen Szene schreiben, ohne zu verraten, wie sie weitergehen soll. Steht der Anfang, fordere ich sie auf, ab jetzt alles schiefgehen zu lassen. Dann stöhnen sie meistens frustriert auf. Nur um am Ende festzustellen, dass der Kitsch und die Klischees aus der Geschichte raus sind. Scham, Ängste und Verunsicherungen kommen ins Spiel – und genau an dieser Stelle wird es spannend. Und ja: auch erotisch!

Was genau macht nun eine gute erotische Geschichte/Szene aus?

Wenn die Szene einen Konflikt, Überraschungen oder Verzögerungen bereithält, wenn sich Erwartungen nicht erfüllen und der Sex Folgen hat – Flug verpasst, Schwangerschaft, Verlust des Ansehens – was auch immer. Nichts ist – literarisch gesehen – langweiliger als von bedeutungslosem Sex zu lesen.

Leser*innen legen Wert auf das Innenleben der Figuren. Wer fühlt sich wie und warum? Was will er geben oder erhalten? Jeder, egal ob im Leben oder in der Fiktion gibt dem Sex eine Bedeutung. Die Bedeutung macht es möglich, sehr vielfältig über Sex zu schreiben.

Erotische Szenen bringen die Geschichten voran. Sie stehen nicht einfach im Buch, um der Leserin ein wenig Erregung zu schenken.

„Ich habe die Bettszenen eigentlich nur geschrieben, um meinen Leserinnen eine Pause von Mord und Totschlag zu gönnen.“

Kursteilnehmerin aus dem Kurs vom Juni 2022

„Aha“, antwortete ich, „das ist doch auch eine starke Motivation für den Kommissar. Schon kannst du die Szene nutzen, um etwas über ihn zu verraten. Vielleicht gewinnt er in dieser entspannten Situation eine wichtige Erkenntnis über den Fall. Dramatisch wird es, wenn er aufgrund seiner Bettgeschichte zu spät kommt, um das nächste Opfer zu retten. Jeder Sexszenen kann eine Bedeutung mitgeben werden, die über die reine Erregung hinausgeht.“

Was steht auf dem Spiel? – Ohne Risiko keine Spannung

Eine einfache Übung verdeutlicht dies: bevor ich die Teilnehmenden eine Szene schreiben lasse, überlegen wir was auf dem Spiel stehen könnte, um es den Leser vor der Sexszene bereits wissen zu lassen.

Das können äußere Risiken sein: die Ehe, der Arbeitsplatz, ein lang gehegter Traum, ein gesellschaftlicher Ruf, eine Freundschaft.

Oft noch stärker sind innere Risiken: das Selbstbild, moralische Überzeugungen, die Angst vor Nähe, die Angst vor Ablehnung, Kontrollverlust

Dann erst schreiben wir die Szene: „Zwei Menschen treffen sich in einem Hotelzimmer und schlafen miteinander.“  Und suchen uns eine der Risiken, warum diese Begegnung für eine oder gar beide Figuren gefährlich, verboten oder lebensverändernd sein könnte. Anschließend sprechen wir darüber, wie sich dieselbe Handlung plötzlich völlig anders anfühlt.

Das macht sehr anschaulich, dass erotische Spannung nicht aus dem körperlichen Akt entsteht, sondern aus der Bedeutung. Das ist oft der Unterschied zwischen einer Szene, die man nach einer Minute vergessen hat, und einer, die einem noch Tage später im Kopf bleibt.

Sexualität ist mit allen Sinnen verknüpft!

Anders als im Porno geht es nicht nur um das Visuelle oder das antörnende Stöhnen. Menschen sprechen, wimmern, lachen, kichern, singen, flüstern Liebesbeteuerungen, Obszönitäten oder reden plötzlich über etwas ganz anderes. Außerdem findet der Akt nicht in einem schalldichten Raum statt, es gibt unzählige Geräusche aus der Umgebung.

Es gibt auch keine geruchs- bzw. geschmacksfreie Sexualität. Es gibt vielerlei Aromen, Shampoo, Parfüm, die Haut selbst, der Mensch riecht in seiner Leidenschaft oder Angst. Der Geruch kann die Frage beantworten, wo der Liebespartner zuletzt war. Bei welcher Arbeit, im Sport, im Bett einer anderen. Zungen schmecken Knoblauch, Rauch oder Kaffee. Auch die Haptik ist beim Sex wichtig – die Textur der Haut, der Haare, des Stoffes der Kleidung, der Unterlage.

Deshalb gibt es bei mir immer die Aufgabe, eine erotische Szene so zu schreiben, dass alle Sinne angesprochen werden. In der Regel genügen drei Sinneseindrücke, um eine Szene an Tiefe gewinnen zu lassen. Da es fünf Sinne gibt, gibt es viele Möglichkeiten sie zu kombinieren und abzuwechseln!

Raum für Fantasie

Wer jede Berührung, jede Bewegung und jeden Höhepunkt detailliert beschreibt, nimmt seiner Leserschaft die Möglichkeit, die Szene mit der eigenen Fantasie zu füllen.  Visuelle körperliche Beschreibungen, wer was wohin gesteckt hat, Größenbeschreibungen der Geschlechtsteile und den bis zum „alle Dämme einreißenden Orgasmus“ machen eine Szene nicht intensiver, sondern flacher. Zum einen geht es, anders als im Porno, der alles gut sichtbar zeigt, nicht darum, dass alle am Ende einen Orgasmus bekommen. Zum anderen führen Übertreibungen oft zu einer unfreiwilligen Komik.

Erotische Spannung entsteht nicht in der technischen Beschreibung, sondern in der emotionalen Bedeutung. Der Leser erinnert sich selten daran, was genau passiert ist. Er erinnert sich daran, welche Veränderungen in der Figur vorgingen und warum es ihn berührt hat.  Viele aktuelle Romane scheinen nach dem Motto zu funktionieren: Je mehr Seiten die Sexszene füllt, desto erotischer. Tatsächlich ist oft das Gegenteil der Fall. Frage dich: Was würde verloren gehen, wenn ich die Hälfte dieser Szene streiche? Wenn die Antwort lautet: „Eigentlich nichts“, dann ist die Szene wahrscheinlich zu ausführlich.

Liebesstab, Schwanz oder Penis – Vulva, Muschi oder Honigtopf?

Viel Raum nimmt die Überlegung für die richtigen Bezeichnungen ein. Mein Tipp ist, sich auch da daran zu erinnern, dass erotische Szenen nicht anders funktionieren als gute Literatur. Die Sprache resultiert aus dem Charakter und den Gefühlen der Personen und stammt nicht aus dem Synonymwörterbuch für Geschlechtsteile. Ein Mann, der seinen Penis als Schwanz bezeichnet ist ein anderer als einer, der über seinen Kolben spricht. Eine Frau, die sich für ihr Geschlecht einen Kosenamen ausgedacht hat, unterscheidet sich von derjenigen, die von Vulva spricht. Hat man sich entschieden, dass eine Figur Vulva sagt, dann sagt sie nächstes Mal nicht Honigtopf oder Muschi. Übertriebenen Metaphern und ausgefallene Ausschmückungen kann man sich meistes sparen, außer genau diese würden zur Figur passen.

Schreiben über Erotik macht auch was mit dem Autor, der Autorin. Es verändert sie und verändert die Wahrnehmung auf sie.

Allen, die erotische Szenen schreiben möchten, empfehle ich, in einem Freewriting Text sich mit den eigenen Vorstellungen von Sexualität auseinanderzusetzen. Bevor du eine Sex-Szene schreibst, stell dir Fragen: Was denke ich über queeren Sex, über Age Gap, Machtgefälle, Masturbation, einfach alles, was dir rund um das Thema einfällt und dann frage dich: Sind das überhaupt meine eigene Ansicht oder die, auf die sich die Gesellschaft geeinigt hat?

Führe dazu ein Gespräch mit deinem inneren Zensor und setze dich mit den eigenen Tabus, denen der Eltern und / oder diverser Partner auseinanderzusetzen. Sie, und natürlich der eigene kultureller Hintergrund prägen unsere Vorstellung von dem, was erlaubt ist und was nicht. Außerdem wird derjenige, der Erotisches schreibt, viel öfter mit der Frage konfrontiert, ob er das selbst erlebt hat, als beispielsweise der Krimiautor. Das hat eben damit zu tun, dass es kaum etwas Persönlicheres und Intimeres als die Sexualität gibt.

Mach dich darauf gefasst, dass es deine eigene Vorstellung davon, was „guter Sex“ ist, erweitern wird. Außerdem werden diejenigen, die Erotisches schreiben, viel öfter mit der Frage konfrontiert, ob sie das selbst erlebt haben, als beispielsweise Autor*innen von Kriminalromanen.

Viel Spaß im Wunderland der vielen Möglichkeiten. Wer mehr wissen möchte, kann sich zu meinem erotischen Schreibkurs anmelden, sich meinen Schreibratgeber zulegen und auf meinem Blog stöbern. Dort gibt es weiterer Beiträge zum erotischen Schreiben, wie mit Verhütung umgehen oder zum Männer- und Frauenbild im erotischen Roman und vieles mehr.

Dieser Beitrag war ursprünglich ein Gastbetrag für den Treffpunkt Schreiben. Dort wurde er am 26.06.2022 veröffentlicht.
Beitragsbild ist von Canva