Aktualisiert: 15. Juni 2026
Stell dir vor, das Patriarchat säße auf der Anklagebank. Und Frauen haben das Wort.
In einer fiktiven, aber realitätsbezogenen Gerichtsverhandlung wird das Patriarchat in einer szenischen Lesung auf Schadensersatz verklagt.
Die Frauen legen Zeugnis ab und erheben Klage. Sie erzählen von Ungleichheit und Unterwerfung, von Benachteiligung und Ausnutzung, von Grenzüberschreitungen und Angst und vielem mehr. Sie zeigen nicht nur auf, wie patriarchale Strukturen Rechte, Chancen und die Unversehrtheit von Frauen einschränken, sondern beziffern auch den Schaden, der dadurch entsteht.

Die Texte sind in einer vorausgegangenen Schreibwerkstatt unter der Leitung von Ines Witka und Christine Lehmann entstanden und verhandeln Erfahrungen der Teilnehmerinnen, etwa mit Gewalt, Abwertung und Sexismus im Alltag, ungleicher Bezahlung, Care-Arbeit und struktureller Benachteiligung. Diese Art von Literatur ist einerseits politisch, andererseits kann sie empowern. Sie zeigt, welche Kraft darin liegt, Erfahrungen aufzuschreiben, zu teilen und gemeinsam sichtbar zu machen. Sie macht deutlich, dass niemand mit diesen Erlebnissen allein ist – und wie viel Arbeit noch vor uns liegt.
Das Patriarchat glänzt durch Abwesenheit. Seine Verteidigerin erklärt:
„Hohes Gericht, mein Mandant erscheint hier nicht. Das Patriarchat ist kein Verein, kein Unternehmen und keine Einzelperson. Es ist das Fundament der Zivilisation. Diese Klage ist juristischer Unsinn. Ich beantrage die sofortige Abweisung! Doch wenn Sie dieser Klage stattgeben, sprengen Sie das gesellschaftliche Gefüge.“
Doch die Klägerinnen bleiben dabei:
„Wir beantragen, den Beklagten zu verurteilen, eine Schadensersatzsumme zu zahlen. Ihre Höhe wird im Laufe der Verhandlung beziffert werden – und sie dürfte deutlich machen, wie teuer patriarchale Strukturen für Frauen und die Gesellschaft tatsächlich sind. Die Summe soll in den Zukunftsfonds Gleichstellung fließen und anschließend an gemeinnützige Organisationen ausgeschüttet werden.“
Und dann liegt es am Publikum: Ist das Patriarchat schuldig? Und wenn ja – wie hoch ist der Schadensersatz?
Es kommt also auch auf Ihre Einschätzung an, Sie fällen das Urteil. Doch damit ist es nicht getan. Kommt es zum Schuldspruch stärkt das Geld gemeinnützige Organisationen, die Frauenrechte stärken, vor Gewalt schützen, Krankheiten bei Frauen erforschen, Bildung stärken, bis eine tatsächliche Gleichstellung erreicht ist.
Eine literarische Utopie? Vielleicht. Aber jede Veränderung beginnt damit, dass wir sie uns vorstellen können.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Literatursommers 2026 „Mit Zuversicht und Mut – literarische Visionen für morgen“ der Baden-Württembergstiftung in Kooperation mit der VHS Stuttgart.
Idee, Konzeption und Umsetzung durch die Autorinnen Ines Witka und Christine Lehmann. Ihre feministische Grundhaltung zeigt sich auch in ihren Büchern. Witka ist eine erfahrene Schreibwerkstattleiterin und arbeitet seit Jahren in der feministischen Bildung an der Frauenakademie der vhs. Lehmann als ehemalige Rundfunkredakteurin bringt reichlich Erfahrung für Textarbeit und die verbale Präsentation von Texten mit und war rund 10 Jahre in der Lokalpolitik tätig.