Bei einer Stadtführung durch Stuttgart würde man erwarten, am Alten Schloss zu starten und über das Neue Schloss in den Schlossgarten zur Oper zu gehen. Fakten über Königin Katharina, König Wilhelm II. und seine Charlotte würden die Führung an diesen Orten mit Geschichten ausschmücken.
Die Stadtführung der besonderen Art „So oder so ist das Leben“ führt hingegen an Orte, an denen sich Menschen aufhalten, die viele lieber übersehen. Im Zentrum steht nicht das Reden über Armut, sondern das Hörbarmachen von Stimmen.
Treffpunkt Charlottenplatz: Stimmen statt Sehenswürdigkeiten
Am Charlottenplatz versammelt sich an diesem heißen Sommerabend (26.06.2026) eine Gruppe von mehr als zwanzig Menschen. 37 Grad zeigt das Thermometer noch immer an. Während ringsum Autos, Busse und Passant:innen die Geräuschkulisse der Innenstadt bilden, beginnt ein Spaziergang, der Stuttgart aus einer ungewohnten Perspektive zeigen will.


Doris Walter kennt sich auf den Straßen aus. Seit Jahren führt sie für die Straßenzeitung Trott-war Menschen durch die Stadt und erzählt von einem Stuttgart, das selten in Reiseführern vorkommt.
Sängerin Eleonore Hochmuth stimmt die Gruppe mit dem Lied „So oder so ist das Leben“ auf den Abend ein. Der Titel wurde zum Motto der gesamten Veranstaltung.

Dann ergreift Daniel Knaus von Trott-war das Wort. Die Hitze sei für Menschen auf der Straße besonders belastend, erklärt er. Während andere sich in kühle Wohnungen zurückziehen könnten, seien Wohnungslose der Sonne oft schutzlos ausgeliefert. Selbst unter Brücken staue sich die Hitze. In den vergangenen Tagen habe es deshalb immer wieder medizinische Notfälle gegeben.
Anschließend liest er einen Text aus der Trott-war-Schreibwerkstatt. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, deren Bretterverschlag angezündet wurde, während sie darin schlief.
„Am 18. Januar 2021, neun Tage nach meinem 21. Geburtstag, wurde der Bretterverschlag angezündet, in dem ich schlief. Und draußen schrie jemand ‚Ihr müsst sterben!‘ An dem Tag, an dem ein anderer Mensch mich bewusst umbringen wollte, ist etwas in mir kaputtgegangen. Die Tür ging so schnell in Flammen auf – so schnell war die lebensbedrohliche Situation gar nicht zu erfassen. Ich sprang durch die brennende Tür, da ich keine andere Möglichkeit mehr zur Flucht hatte.“
In der Gruppe ist es still, fassungslos still. Nur der Lärm der Stadt überdeckt die Ruhe. Genau darum geht es bei der Schreibwerkstatt von Trott-war: Menschen mit Straßenerfahrung erhalten die Möglichkeit, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und Perspektiven sichtbar zu machen, die sonst selten Gehör finden.
Olga46: Frühstück, Postanschrift und ein Schließfach
Weiter geht es zur Olga46. Statt durch das benachbarte Dorotheen Quartier mit seinen Boutiquen und Cafés führt Doris die Gruppe zur Tagesstätte der Caritas. Hier erhalten Menschen ohne Wohnung ein kostenloses Frühstück und eine Postanschrift, denn um Sozialleistungen wie Bürgergeld oder Sozialhilfe zu erhalten, muss man postalisch erreichbar sein. Schließfächer sind eine praktische Unterstützung, um nicht offensichtlich als wohnungslos erkannt zu werden und so vor Anfeindungen oder gar Angriffen besser geschützt zu sein.

Vor der Olga46 singt Eleonore Bertolt Brechts „Ballade vom angenehmen Leben“. Die Lieder sind an diesem Abend weit mehr als musikalische Untermalung. Sie greifen Themen der Orte und Texte auf, schaffen Übergänge und fügen eine weitere Perspektive hinzu.

Dann liest Autorin Ines Witka ihre Kurzgeschichte „Take Away“. Darin begegnen sich zwei Männer, deren Lebenswege unterschiedlicher kaum sein könnten: Einer hat durch Spekulation alles verloren und lebt inzwischen auf der Straße. Der andere steht finanziell auf der Sonnenseite des Lebens und lädt den Fremden spontan auf einen Drink ein. Eine Geschichte über Absturz, Zufall und die Frage, wie nah Wohlstand und Verlust manchmal beieinanderliegen.
Anschließend singt Eleonore Georg Kreislers „Meine Freiheit, deine Freiheit“ – ein Lied, das die Gedanken des Textes aufnimmt und weiterspinnt.
Die Idee hinter der Stadtführung: Literatur, Musik und gelebte Erfahrung
Genau diese Verbindung von Literatur, Musik und gelebter Erfahrung bildet den Kern der Stadtführung. Die Idee dazu stammt von Autorin Ines Witka. Gemeinsam mit der Stuttgarter Regionalgruppe des Bundesverbands junger Autoren und Autorinnen e. V. (BVjA) entwickelte sie das Format in Zusammenarbeit mit Trott-war. Die Kooperation reicht dabei viele Jahre zurück. Bereits 2019 gingen die Erlöse der Anthologie „(W)ortreich“ an die Straßenzeitung. Aus gemeinsamen Projekten entstand schließlich die Idee, Menschen, Geschichten und Orte auf besondere Weise miteinander ins Gespräch zu bringen.
Pfarrstraße: Spielplatz, Straßenstrich und der Spritzenmann
An der Ecke der Spielfläche Pfarrstraße am Straßenstrich erzählt Doris, wie es zu der Schranke kam, die die Pfarrstraße zu bestimmten Zeiten abriegelt. Freier drehten dort ihre Runden, denn entlang der Pfarrstraße und der Katharinenstraße hatte sich der Straßenstrich illegal ausgebreitet. Die Anwohner:innen litten unter dem Verkehr, dem Gehupe und der Anmache. Die jungen Frauen waren zum Teil drogenabhängig.
Nur ein Zaun trennt den Bolz- und Spielplatz von der Stelle, an der die Zuhörerschaft verweilt. Ein paar Jugendliche spielen Tischtennis. Genau dieser Spielplatz wird aber auch nachts von Suchtkranken aufgesucht, die dort ihre Spritzen liegen lassen. Doris erzählt, dass bei einer intensiven Reinigung und Aufbereitung des Sandkastens Hunderte gebrauchte Spritzen, Nadeln und Kanülen gefunden worden waren. Seitdem gebe es den Spritzenmann. Er läuft jeden Tag seine Runden und sammelt den Drogenmüll ein. Es gibt eben viele Wege auf die Straße: kaputte Karrieren, tragische Schicksalsschläge, Prostitution und/oder Alkohol- und Drogenprobleme.

Ute Bareiss liest aus ihrem Buch „Green Lies – Tödliche Ernte“, das sie als erschreckend realistischen Umweltthriller bezeichnet. Es erzählt vom Schicksal eines Orang-Utan-Weibchens, das zur Prostitution gezwungen wurde. Eine Frau hält sich die Hand vor den Mund. „Ist das wahr?“ – „Ja, das gibt es wirklich. Mein Buch ist Fiktion, die Wahrheit ist noch viel schlimmer“, erklärt Ute Bareiss, die als Weltumseglerin viel gesehen hat.
Zurückhaltender wird die käufliche Liebe im „Lied des Freudenmädchens Nana“ besungen. Brecht dagegen wusste schon in „Denn wovon lebt der Mensch“, dass zuerst das Fressen kommt und dann die Moral.
Leonhardstraße: Hilfe für Sexarbeiter:innen im Café Strich-Punkt, Café La Strada und HoffnungsHaus
Auf dem Weg zur Paulinenbrücke hält Doris in der Leonhardstraße, wo sich ein Bordell an das nächste reiht. Sie erklärt, dass im Café Strich-Punkt männliche, trans und queere Sexarbeitende und im Café La Strada Sexarbeiterinnen etwas zu trinken und zu essen bekommen, aber auch Beratung und medizinische Hilfe. Während sie spricht, hat sie das HoffnungsHaus im Rücken. Auch dort bekommen Frauen und trans Frauen Hilfe: eine Dusche, Spiele oder Unterstützung, wenn sie aussteigen möchten. Da es ein christliches Haus ist, gibt es auch einen Gottesdienst. „Manche Prostituierte können sich nicht mal Kondome leisten“, sagt Doris. Sie weist auch darauf hin, wie sich das Viertel verändert: Laufhäuser schließen, Bars eröffnen, sogar eine Feinkostbar.
Paulinenbrücke: das „trockene Wohnzimmer“ der Obdachlosen
Am Paulinenbrunnen ist die letzte Station der Führung. Daniel hat den Ort ausgewählt, denn er meint, das sei eine Frage des Respekts. Die Menschen würden es sonst als ein Eindringen in ihren Schutzraum verstehen, denn die Paulinenbrücke sei das trockene Wohnzimmer der Obdachlosen und Suchtkranken. Aber nur noch für wenige, wie Doris erklärt.
„Früher trafen sich an der alten Tankstelle abends Hunderte auf einen günstigen Kaffee und Bier. Als die Tankstelle abgerissen wurde, war das ein herber Schlag. Nachdem das schicke Einkaufszentrum ‚Das Gerber‘ einzog, hatten die Betreiber Angst vor Umsatzeinbußen, woraufhin die Polizei mit täglichen Kontrollen und Platzverweisen herkam. Das hat die Community zerschlagen.“

Während Doris von der Geschichte des Treffpunkts berichtet, verteilt Daniel Taschentücher und andere Pflegeprodukte an die Menschen, die dort beieinanderstehen. Er lädt sie ein, zum Brunnen zu kommen und dem Gesang von Eleonore zu lauschen. Ob sie das Lied „Der Säufer“ an diesem Platz singen kann, damit hat sie lange gerungen, erzählt sie später. Doch letztendlich passt es perfekt, denn es zeigt, dass Alkohol seelische Schmerzen nicht heilt, sondern das Elend und die Trostlosigkeit nur noch deutlicher hervortreten lässt.
Bevor Daniel zwei Gedichte von Urban Grisaille liest, einem Betroffenen, der unter diesem Namen immer wieder für Trott-war schreibt, tröstet er die Gruppe: Es sei nicht ungewöhnlich, dass niemand aus der Community die Einladung angenommen habe. Die Community wolle oft unter sich sein. Damit täten sich manchmal sogar Sozialarbeiter:innen und Sanitäter:innen schwer, erklärt Daniel.

Am Ende entstehen doch noch Berührungspunkte. Der Brunnen spendet Trinkwasser, und Wasser brauchen bei dieser Hitze alle. Ein junger Mann mit Lebensmittelpunkt Straße trinkt aus dem Brunnen. Ein Gast der Führung sagt: „Oh, das ist ja Trinkwasser, schön kühl“, und trinkt auch. Der junge Mann erwidert: „Und es schmeckt richtig gut.“ Beide lächeln sich an, und dann lauschen sie gemeinsam der Stimme von Eleonore, die „Heute Nacht, Amsterdam“ von Jacques Brel singt.
Wie kann man wohnungslosen Menschen in Stuttgart helfen?
Viele Stuttgarter:innen wollen helfen, wissen aber nicht wie. „Hygieneprodukte werden immer gebraucht“, sagt Daniel. „Duschgel, Damenhygiene und Zahnpflege.“ Er empfiehlt, im Paule Club nachzufragen, was gebraucht wird. Davon, Produkte selbst in der Community unter der Paulinenbrücke zu verteilen, rät er ab, denn manchmal wollen die Leute unter sich bleiben oder fühlen sich auch durch eine freundliche Ansprache angegriffen. Menschen auf der Straße haben oft negative Erfahrungen mit Passant:innen gemacht.
Bei der Führung wurden Menschen sichtbar, die sonst oft übersehen werden – mit Gesang, Literatur und wahren Erfahrungen. Der Spaziergang wurde von der Stadt Stuttgart gefördert.
Fotos: privat