Stell dir vor, das Patriarchat säße auf der Anklagebank. Und Frauen hätten das Wort. Was kostet das Patriarchat eigentlich – nicht nur an menschlichem Leid, sondern auch in Euro? Genau darum ging es bei „Wir stellen das Patriarchat vor Gericht“: einer Schreibwerkstatt für Frauen in Stuttgart, aus der eine szenische Lesung mit echter Schadensersatzklage und einstimmigem Publikumsurteil entstand.
Die Idee: Warum wir das Patriarchat verklagen
Krimiautorin Christine Lehmann erzählte mir von ihrer Idee, das Patriarchat in einem Essay vor Gericht zu stellen. Es wäre an der Zeit, es für all die körperlichen, seelischen und ökonomischen Schäden verantwortlich zu machen, die durch männliche Gewalt, subtile Bedrohungen, reale Benachteiligung im Beruf und unentgeltliche Familienarbeit entstehen.
Diese Idee elektrisierte mich, ich sah sofort das Potential für eine Schreibwerkstatt an der Volkshochschule im Rahmen des Literatursommers 2026 der Baden-Württemberg Stiftung. Das Motto des Literatursommers: »Mit Zuversicht und Mut – literarische Visionen für morgen.«
Gemeinsam entwickelten wir das Konzept einer Schreibwerkstatt mit anschließender szenischer Gerichtsverhandlung, in der Zeuginnenaussagen für genau diese Klage entstehen sollten. Dankenswerterweise erhielten wir dafür die gewünschte Fördersumme.
Die Schreibwerkstatt an der VHS Stuttgart



Vom 25. Juni bis 23. Juli 2026 traf sich an der VHS Stuttgart eine Gruppe engagierter Frauen, die sich auf dieses Experiment einließen: Texte für eine fiktive Gerichtsverhandlung zu schreiben. An fünf Abenden wurde diskutiert, gelacht, geschrieben und gelesen; zwischen den Werkstattabenden recherchierten die Teilnehmerinnen Fakten und Zahlen. Diese Zahlen haben wir dann für eine PowerPoint Präsentation aufbereitet – zum Beispiel, indem wir die persönlichen Kosten einer Frau auf die Zahl derer hochgerechnet haben, die davon ebenfalls betroffen sein dürften. Die Form der Texte war von Anfang an die literarische Zeuginnenaussage. Das ist etwas anderes als autobiografisches Schreiben. Reflektiert haben die Teilnehmerinnen vor allem den Schritt vom eigenen Erleben ins Gesellschaftliche: Wo betrifft das nicht nur mich? Und: Was kostet das eigentlich – die einzelne Frau, ein Unternehmen, die Allgemeinheit?




So verbanden sich persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Ereignissen, die Frauen im Laufe eines Lebens widerfahren – mit Ungleichheit und Unterwerfung, Benachteiligung und Ausnutzung, Grenzüberschreitungen und Angst, mit ungleicher Bezahlung, Care-Arbeit und struktureller Benachteiligung im Alltag. Daraus entstanden fokussierte, emotionale, literarische Zeuginnenaussagen, die ihre Wucht entfalten, wenn sie vorgelesen werden.
Die szenische Lesung als fiktiver Zivilprozess
Am 29. Juli 2026 war das Ergebnis im Robert-Bosch-Saal der VHS Stuttgart zu erleben: die szenische Lesung „Wir stellen das Patriarchat vor Gericht“. Die Einbettung der Lesung in die Inszenierung verändert alles. Die Gerichtsform gibt den Stimmen der Frauen ein ganz anderes Gewicht. Aus einer privaten Erfahrung wird eine Aussage, die vor einer Instanz gehört wird – und die Instanz nimmt sie ernst. Das verändert das Zuhören im Saal ebenso wie das Sprechen auf der Bühne.
Vor der Großen Kammer des Bundesgerichts des gesellschaftlichen Anstands musste sich das Patriarchat als Beklagter einem fiktiven Zivilprozess stellen. Gegenstand des Verfahrens war eine Schadensersatzklage in Höhe von 1,5 Billionen Euro wegen systematischer Unterdrückung, Benachteiligung und Schädigung von Frauen. Klägerin war der eigens für diesen Abend gegründete „Verein zur Durchsetzung von Gleichstellung und Würde der Frauen“. Das öffentliche Interesse war groß: Angemeldet waren mehr als fünfzig Frauen und Männer, tatsächlich kamen noch deutlich mehr Besucherinnen und Besucher.
Die Rollen im Prozess: Wer verklagt hier wen
Christine Lehmann übernahm die Rolle der Vorsitzenden Richterin, Ines Witka vertrat die Klägerinnenseite. Freundinnen der Teilnehmerinnen schlüpften in die Rollen der beisitzenden Richterinnen und der Justizwachtmeisterin. Und das Patriarchat selbst? Wie es die Verteidigerin schon im Vorfeld ankündigte: „Hohes Gericht, mein Mandant erscheint hier nicht. Das Patriarchat ist kein Verein, kein Unternehmen und keine Einzelperson. Es ist das Fundament der Zivilisation.“ So blieb es auch an diesem Abend fern – symbolisiert nur durch einen Aktenkoffer, einen Hut und eine Krawatte, seine Rechtsanwältin lediglich durch Robe und Handtasche.






Die Zeuginnenaussagen: Fünfzehn Geschichten aus dem Alltag
Angemeldet zur Werkstatt hatten sich elf Frauen, sieben standen am Ende auf der Bühne – Sommer, Urlaub, Krankheit, das Leben. Mehrere Teilnehmerinnen haben zwei Texte geschrieben, Christine Lehmann und ich haben ebenfalls Texte beigesteuert; so kamen insgesamt 15 Texte zusammen. Sie handelten von unbezahlter Care-Arbeit, Gewalt gegen Frauen, Benachteiligungen im Gesundheitswesen, den Folgen von Schwangerschaft und Geburt, Nachteilen im öffentlichen Raum, struktureller Benachteiligung im Literaturbetrieb und vielen weiteren Auswirkungen patriarchaler Strukturen. Die Frauen legten Zeugnis ab und erhoben Klage – und zeigten nicht nur, wie patriarchale Strukturen Rechte, Chancen und die Unversehrtheit von Frauen einschränken, sondern bezifferten auch den Schaden, der dadurch entsteht.
Immer wieder machte die Klägerinnenvertreterin deutlich, dass nicht nur die persönlichen Folgen schwer wiegen, sondern auch die enormen gesellschaftlichen Kosten, die letztlich von allen steuerzahlenden Frauen mitgetragen werden. „Diese Summe“, betonte sie, „betrifft nur den Schaden, den das Patriarchat innerhalb von zwei Jahren für die 42,2 Millionen Frauen in Deutschland verursacht hat – und sie umfasst lediglich die Bereiche, über die unsere Zeuginnen heute gesprochen haben.“
Die Summe, so das Konzept, sollte im Falle einer Verurteilung in einen Zukunftsfonds Gleichstellung fließen und an gemeinnützige Organisationen ausgeschüttet werden, die Frauenrechte stärken, vor Gewalt schützen, Krankheiten bei Frauen erforschen und Bildung fördern – bis eine tatsächliche Gleichstellung erreicht ist.
Das Urteil: Das Patriarchat muss zahlen
Nach den Zeuginnenaussagen zog sich das Gericht zur Beratung zurück. Währenddessen wurde auch das Publikum gefragt, ob es der Klage stattgeben würde. Das Votum fiel einstimmig aus: Das Patriarchat muss zahlen.
Wir waren aber auch darauf vorbereitet, wenn ein Vertreter des Patriarchats hätte diskutieren wollen. Wir sind schlagfertige Frauen. Wenn die Gegenrede ausgeufert oder der Ton nicht angemessen gewesen wäre, hätten wir unsere Inszenierung genutzt – die Vorsitzende Richterin hätte ihm das Wort entzogen.
Postkarten aus dem Jahr 2050
Nach einem Abend voller bewegender Geschichten und krasser Fakten richteten die Teilnehmerinnen zum Schluss den Blick nach vorn: Postkarten aus dem Jahr 2050 an die Frauen von heute. Darin beschrieben sie eine Zukunft, in der der zugesprochene Schadensersatz bereits in zahlreiche Projekte für mehr Gleichstellung investiert worden war. Es entstanden hoffnungsvolle, manchmal überraschend konkrete Zukunftsbilder – aus dem Gefühl der Ohnmacht wurde Zuversicht, ganz im Sinne des Literatursommers. Die Veranstaltung endete damit nicht in Resignation, sondern mit Hoffnung und konkreten Visionen für eine gerechtere Gesellschaft.
Diese Art von Literatur ist einerseits politisch, andererseits kann sie empowern. Sie zeigt, welche Kraft darin liegt, Erfahrungen aufzuschreiben, zu teilen und gemeinsam sichtbar zu machen. Sie macht deutlich, dass niemand mit diesen Erlebnissen allein ist – und wie viel Arbeit noch vor uns liegt.
Eine literarische Utopie? Vielleicht. Aber jede Veränderung beginnt damit, dass wir sie uns vorstellen können.
Wie nachhaltig kann ein solches Projekt sein?
Nachhaltig war es schon während der fünf Wochen. Die Frauen haben mir erzählt, wie sie plötzlich im Freundeskreis ins Gespräch kamen – über Dinge, über die vorher nicht geredet wurde. Genau darüber erreicht es auch die Männer, die sich keine Gedanken über die Folgen von pariaschalen Strukturen machen, die tief in unserer Gesellschaft wirken. Über die Zahlen, die sich schlecht wegdiskutieren lassen.
Vielbeachtet war es auch als feministische Veranstaltung und wurde in der Presse besprochen. Auf Tag24 wurde getitelt:
Frauen zerren das Patriarchat „vor Gericht“: Was kosten Männer die Gesellschaft?
In Trott-war gab es ebenfalls eine Nachberichterstattung mit Interview, Fotos der Veranstaltung und den Abdruck der Zeuginnenaussage von „Petra Wahl – Folgen des Patriachats im öffentlichen Raum“
Auszug: Ich kann bezeugen: Die Stadtplanung ist nicht für Frauen gemacht. Weder früher noch heute. Meine erste Einschränkung im öffentlichen Raum begann schon als Kind. Es gab Straßen, die ich meiden sollte, Wege, die ich nur im Hellen gehen durfte, und festgelegte Uhrzeiten, zu denen ich zu Hause sein musste. Für meine Brüder galten andere Regeln. Damals hielt ich das für normal. Heute weiß ich: Angst und Einschränkung der Bewegungsfreiheit sind der erste Preis, den Mädchen für ihre Sicherheit bezahlen.
Plätze, die eigentlich für alle Jugendliche sein sollten, haben unsichtbare Schranken haben. Mit 14 Jahren wollte ich skaten. Ich ging mit Freundinnen zum Skate-Platz und wir probierten die Boards unserer Brüder aus. Wir wurden ausgelacht. Zum Zu-schauen waren wir willkommen, nicht zum Mitmachen. Damals lernte ich: Es gibt Räume, die allen offenstehen und trotzdem nicht allen gehören.“
Außerdem wird ein Buch dazu erscheinen. In einem Essay wird die Notwenigkeit einer solchen Vorgehensweise erörtert, der Entstehungsprozess innerhalb der Schreibwerkstatt gezeigt wird und die Zeuginnenaussagen zum Nachlesen.
Über die Veranstaltung und die Autorinnen
Eine Veranstaltung im Rahmen des Literatursommers 2026 „Mit Zuversicht und Mut – literarische Visionen für morgen“ der Baden-Württemberg Stiftung in Kooperation mit der VHS Stuttgart.
Idee, Konzeption und Umsetzung durch die Autorinnen Christine Lehmann und Ines Witka. Ihre feministische Grundhaltung zeigt sich auch in ihren Büchern. Lehmann ist Autorin, Vorsitzende des Vereins HERland und bringt als ehemalige Rundfunkredakteurin reichlich Erfahrung für Textarbeit und die verbale Präsentation von Texten mit; sie war rund zehn Jahre in der Lokalpolitik tätig. Witka ist Autorin, Schreibdozentin an der VHS Stuttgart und Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller:innen (VS) Baden-Württemberg; sie ist eine erfahrene Schreibwerkstattleiterin und arbeitet seit Jahren in der feministischen Bildung an der Frauenakademie der vhs.