Um der Leere ihres Lebens zu entkommen, nimmt die Mediengestalterin Viktoria ein einmaliges Engagement im Lilith Secrets Theatre an. Hier wird keine erotische Revue mit Glitzer und Glamour inszeniert, sondern die dunkle Seite der Lust.
Bei diesem intensiven Spiel um Dominanz und Unterwerfung trifft sie allerdings auch auf den »Fürsten der Hölle«, der bislang nur in ihrer Vorstellung existiert und dort Macht über sie ausgeübt hat.

Von dieser dämonischen inneren Welt ist Gil, die Intendantin des Theaters fasziniert. Sie schlägt Viktoria vor, Begegnungen zu arrangieren, die davon inspiriert sind. Viktoria lässt sich darauf ein, und je mehr sie von sich offenbart, desto mehr erhält sie Zugang zu einer Welt voller sinnlicher Abenteuer. Darin begegnet sie schließlich auch Ralf, dem Geliebten Gils ...
Doch der Fürst greift ebenfalls ins Spiel ein. Imagination und Wirklichkeit tauschen immer wieder die Plätze. Wird sich Viktoria in einer Zwischenwelt verlieren?

Ines Witka
Theater der Lust – Mut
284 Seiten, Paperback
ISBN 978-3-932855-92-4
Preis 12,99 EUR (D)
Gatzanis Verlag, Stuttgart 2019
www.gatzanis.de

Auch als E-Book: 4,99 EUR

Coverfoto: © Vince Voltage

 

Der Roman „Theater der Lust“ erscheint als Trilogie. Im ersten Band „Mut“ zeichnet die Autorin Viktorias erste Schritte auf dem Weg zur eigenen
Sexualität - und damit zu sich selbst – und verbindet die Entwicklungsgeschichte einer zutiefst gedemütigten Frau gekonnt unaufdringlich und dennoch fast zwingend mit
feministischen, gesellschaftskritischen Beobachtungen und Erfahrungen.

Mascha Hülsewig von FRAU BLUM – Boutique Erotique, Stuttgart: »Ich bewundere die Offenheit mit der Ines Witka über eines der letzten Tabus in der erotischen Literatur erzählt: Was denkt Frau beim Sex und warum?«

Textprobe aus "Theater der Lust – Mut" von Ines Witka

»Du siehst, es ist ein Theater und kein Sex-Club. Wir haben knapp dreihundertfünfzig Sitzplätze.«
Ich folge seinem Blick die klassisch roten Samtsitze entlang. Anfangs ist noch jede zweite Reihe tiefer gelegen, die ersten Reihen hingegen sind alle auf einer Höhe. Die Bühne ist leicht geschwungen, besitzt rechts und links einen schwarzen Samtvorhang und einen schwarzen Rückaushang, sodass die Tiefe nicht zu schätzen ist.
»Alles hoch professionell. Wir hatten für die Renovierung aus einem Staatstopf Gelder erhalten. Dafür verpflichteten wir uns gewisse Denkmalauflagen einzuhalten, wie zum Beispiel die beiden Balkone.« Er zeigt nach oben. Seinen sachlichen Tonfall beibehaltend, spricht er weiter: »Bei diesem Engagement bist du Teil eines kleinen Ensembles. Mit dir wären wir sechs. Unsere Gäste werden nicht nur eure Vorführung, sondern auch ein exquisites Dinner genießen, das wir im Zuschauerraum servieren.« Er weist auf die gepolsterten Sitze. »Diese werden entfernt und – ach, lass dich überraschen.«
Durch die fehlende Dramatik in der Stimme will er mir wohl vermitteln: Es ist okay, alles harmlos.
»Was müssen die Darsteller denn tun?«
»Meinen Anweisungen folgen, um durch verschiedene erotische Szenen geführt zu werden«, ist seine vage Antwort.
Auch ich bleibe bei der nächsten Frage in dieser sachlichen Tonlage, obwohl ich ein leises Pochen zwischen meinen Beinen spüre. »Gibt es Proben?«
»Nein, es ist Impro-Theater, die Funken zwischen euch, den Zuschauenden und mir springen hin und her. Alles entsteht spontan. Gefühle werden nicht gespielt, sondern sind authentisch. Ihr sollt euch als euch selbst verhalten, nicht als Schauspieler. Durch Proben ginge ein Teil der kreativen Energien verloren. Am besten, du lässt dich einfach in die Situation fallen, wenn es so weit ist.«
Ich verstehe nicht, worauf er hinaus will. »Du erwartest nichts Bestimmtes?«
»Doch, schon: Spontanität, Mut, erotische Ausstrahlung«, sagt er mit einem jungenhaften Grinsen. »Eigenes Begehren zulassen, den Kuss eines Fremden genießen, vielleicht mehr. Du entscheidest dich für eine Berührung, eine weitere kommt hinzu. Keiner weiß, wohin dies führt. Jeder wird sich einbringen. Es wird etwas Unverwechselbares entstehen. Ich weiß zu Beginn selbst noch nicht genau, was, das ist nicht festgelegt. Das Publikum wiederum wird sich durch die Darbietung animiert fühlen, eigene Fantasien auszuleben. Wie weit sie dabei gehen werden, kann ich nicht vorhersagen.«
Während ich ihn entgeistert anstarre, denn seine Beschreibung klingt mehr nach einer Orgie als nach einer Theateraufführung, fügt er beruhigend hinzu: »Die Bühne wird vom Zuschauerraum durch einen schimmernden Vorhang getrennt sein, sodass die Szenerie traumbildartig erscheint. Die Scheinwerfer auf und vor der Bühne werden den Eindruck verstärken, dass ihr entrückt seid. Dazu kommen die Kostüme. Alles zusammen erregt uns, die Gäste. Du wirst selbst erfahren, wie die Bühne zum ekstatischen und schamfreien Raum wird.«
Unfähig etwas zu sagen, nicke ich und schüttle dann den Kopf. Warum renne ich nicht davon? Weil es mich anmacht! Weil ich ausgehungert bin nach Berührung, weil ich ein sexuelles Verlangen spüre, ein nagendes Bedürfnis nach positiver Befriedigung, das schon seit langer Zeit nicht mehr erfüllt wurde. Das nicht erfüllt werden kann, weil ich niemanden treffe. Ich kann mit keinem Mann mitgehen, weil ich es nicht wage, allein mit ihm zu sein. Aber hier wäre ich nicht allein. Viele Menschen wären um mich herum.
»Niemand wird dich erkennen, falls dies deine Befürchtung ist. Fotografieren ist nicht erlaubt, es besteht also keine Gefahr, hinterher im Internet aufzutauchen. Und die fünf Minuten Ruhm auf der Bühne für den einzelnen Zuschauer sind auch nicht eingeplant. Wir haben Saalwächter und unsere Gäste wissen, was sich gehört. Es gibt Regeln. Hier bist du vor unerlaubtem Antatschen sicherer als in jeder U-Bahn, Disko oder Einkaufsstraße. «
»Warum machst du das?«
»Ich könnte dir jetzt was von der intensiven Wechselwirkung zwischen dem Drang, sich darzustellen, also dem Exhibitionismus auf der Seite der Schauspieler und der erotischen Neugier, also dem Voyeurismus auf der anderen Seite, erzählen. Etwas über die kreative Kraft der beiden Pole, die immer wieder dafür sorgen, dass große Kunst geschaffen wird. Doch wenn ich über mich sprechen soll: Ich bin einfach am Tabubruch interessiert. Sieh mich als Rebell, der das Unberechenbare, das Chaotische sucht. Nur außerhalb der Regeln findet Sexualität zurück zum Rausch. Starre Ansichten wie, wo und in welchem Reinheitsgrad Sexualität stattfinden soll, langweilen mich.« Mit einer Spur von Ironie in der Stimme fügt er hinzu: »Du fragst dich sicher, was du erleben kannst? Erregung, Leidenschaft? Im besten Fall dreißig Minuten reinste Ekstase. Du wirst es danach immer wieder und wieder brauchen. Bist du erst einmal infiziert, gibt es kein Entkommen mehr.«

[...]

Überlegte ich vor einer Stunde nicht erst, wie schön es wäre, Sex zu haben? Ist das nicht die Chance für mich? Onlinedating oder eine Annonce kann ich nie versuchen, das weiß ich. Hier bekomme ich das Abenteuer auf dem Silbertablett serviert. In meinem Unterleib zieht es heftig.
Ja, ja, ja, mach das, lass dich darauf ein. Mach was Verrücktes. Alles ist besser, als noch länger diese verdammte Einsamkeit auszuhalten und dieses Leben im Niemandsland. Und hier brauchst du keine Angst zu haben. Zumindest nicht vor denen, die du fürchtest. Hierher werden sie nicht kommen.
»Doch mehr kann ich dir über das Projekt nicht erzählen, erst musst du das unterschreiben. Das müssen übrigens alle unterschreiben, die an diesen geheimen Veranstaltungen teilnehmen, sowohl Gäste als auch Künstler.«
Er nimmt eine Mappe von einem der Theatersitze und reicht sie mir aufgeschlagen. In schwarzen fetten Lettern steht da auf weißem Papier: Verschwiegen­heitserklärung. Zusätzlich unterstrichen. Ich verpflichte mich des absoluten Stillschweigens gegenüber dritten, nicht eingeweihten Personen. Unter den Linien, in denen man Namen und Adresse eintragen soll, befindet sich eine lang ausformulierte Urheberrechtsklausel. Fragend blicke ich Ralf an.
Er zuckt lässig mit den Schultern. »Dies ist eine Vorsichtsmaßnahme, um uns alle vor nicht autorisierten Berichterstattungen in den Medien zu schützen. Auch wenn es sex sells heißt, möchten wir bei dieser Veranstaltung die Presse komplett heraushalten. Wir machen lieber unauffällig unser Ding.«
Fast schon bin ich zu diesem Experiment bereit. Da versetzt mir der letzte Passus einen Stich: Ich bin darauf hingewiesen worden, dass die Liliths Secret GbR keinerlei Haftung für psychische oder physische Schäden übernimmt, die eventuell bei der Teilnahme an einer der Veranstaltungen entstehen.
Mit der Veranstaltung kann etwas nicht stimmen.
»Das ist heftig. Wozu die Warnung vor physischen Schäden? Ich meine, man hört so viel von schlimmen Übergriffen –«
»Stopp. Ich bin kein Krimineller. Wir ziehen hier nichts Brutales auf oder haben die Absicht, jemanden zu verletzen. Wir Akteure gehen achtsam miteinander um. Jedoch schützen wir uns davor, dass Paare, die untereinander zu heftig spielen, sich nachher bei uns beschweren.«
»Trotzdem, das will ich nicht unterschreiben.«
»Bist du Journalistin?«
»Nein.«
»Es verpflichtet dich nur zum Schweigen. Wenn dir nicht gefällt, was ich noch erzähle, gehst du einfach, und ich kann dennoch beruhigt sein, dass das Gespräch unter uns bleiben wird. Wenn du mitmachst, ist es ebenso wichtig, dass alles mit der notwendigen Diskretion behandelt wird.« Trotz der Lachfältchen um die grauen Augen herum, schaut er mich ernst an. Die markanten Brauen verstärken die Seriosität. »Entscheide dich. Bist du risikobereit und leidenschaftlich, dann unterschreibe. Bist du es nicht, dann geh. So einfach ist das.«
»Ich werde es keinem Menschen erzählen.«
»Ein Versprechen genügt nicht.« Auffordernd legt er einen Stift auf das Blatt.
Und dann tue ich es einfach. Meine Neugierde, Genaueres zu erfahren, ist so groß, dass ich die Erklärung ausfülle, meine Unterschrift darunter setze und ihm die Mappe zurückreiche. Ich bekomme einen Durchschlag.