Der Schreibwettbewerb

Über hundertdreißig Einsendungen sind für den Schreibwettbewerb eingegangen, den der konkursbuch Verlag parallel zum Erscheinen meines Buches Dirty Writing – Vom Schreiben schamloser Texte ausgeschrieben hatte.
Die Aufgabe war: „Schreiben Sie die Buchstaben des Alphabets, sammeln zu jedem Buchstaben Stichwörter, die Sie mit Erotik, Liebe, Verführung und Lust verbinden – fertig ist ein Abecedarium. Wählen Sie drei Wörter aus dem Abecedarium aus, verwenden Sie diese sinnvoll in einer Szene/Glosse/Kurzgeschichte. Setzen Sie sich ein Zeitlimit.“
Ich war in der Jury und wählte gemeinsam mit Autorin Sophie Andresky, Verlegerin Claudia Gehrke und dem Selbstpublishing-Autor Matthias Matting die Siegertexte aus. Wie reizvoll es war den Prozess von der Jury Seite aus kennenzulernen, darüber berichtete ich bereits im Mittwochsblog des konkursbuch Verlag Claudia Gehrke: http://blog.konkursbuch.com/der-schreibwettbewerb/

Dirty Writing Schreibwettbewerb mit Ines Witka


Alle Siegertexte wurden in der Jubiläumsausgabe des Erotischen Jahrbuchs „Mein Heimliches Auge 30“ publiziert.


1. Preis: Stephanie Lay mit „Kleine Lügen“

Text Stephanie Lay


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Jurorin Ines Witka: „Ich interessiere mich von Anfang an für die Person, deren Innenleben gut beschrieben ist. Das ist entscheidend, um eine Sexgeschichte zu genießen. Immerzu fragt man sich, wie bei so vielen Lügen eine Beziehung entstehen soll und was für ein Mensch gleich zu Anfang so viel lügt. Mit Spannung lese ich weiter und will das Ende erfahren.“

Jurorin Claudia Gehrke: „Klare knappe Sätze, hält die Leser mit geschickt aufeinander auf-bauenden kleinen Pointen in Spannung, eine unterhaltsam zu lesende Geschichte um eine Figur mit Brüchen.“ Stephanie Lay wird bei den „Love Bites“ im Dezember 2016 prämiert.

2. Preis: Christine Bär mit „Manuelle Therapie“

Jurorin Sophie Andresky: „Sie fängt mit ihrer Geschichte einen Alltagsmoment ein, in dem plötzlich viel mehr möglich ist als Alltag. Erotische Phantasie und Realität vermischen sich zu einer Studie des Begehrens und der Lust. In einer klaren Sprache schildert sie die Perspektive des Mannes und der Frau, so dass man den Sog zwischen beiden nachvollziehen kann. Es gibt keine weitere Handlung in diesem Text, nur Sex, der ja nie nur Sex ist. Das zu lesen berührt, weil man sich fragt: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich mich einfach mal trauen würde, meinen Wünschen und Sehnsüchten nachzugeben? Und wann ist eigentlich mein nächster Termin bei einem Physiotherapeuten?“

3. Preis: Alexandra Lüthen mit „Zähne, die mich beißen“ / Beate Häsing mit „Recherche“

Text Alexandra Lüthen

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Jurorin Ines Witka: „Schon das Abecedarium wird von Alexandra Lüthen einfallsreich gelöst und macht Lust auf ihre Geschichte. Sie nutzt in ihrer Geschichte Sexualität, um uns etwas über den Stand ihrer Beziehung mitzuteilen. Außerdem spielt sie humorvoll mit dem Handwerkerklischee. Der Quickie wird überraschend erzählt, indem sie zur Du-Ansprache wechselt und den Installateur anspricht anstatt uns Leser. Auch deutet sie mehr an, als dass sie ausformuliert. Ihre sexuellen Anspielungen lassen Raum für das eigene Kopfkino.“ Jurorin Ines Witka: „Beate Haesing hat den Wettbewerb selbst gut mit eingebaut, nutzt Sexualität für die Kommunikation und umgekehrt - eine meiner Thesen, was eine gute Sexgeschichte aus-macht. Sie überlegt dabei geschickt, wie man etwas immer wieder neu sagen kann, was doch schon tausendmal gesagt wurde. Sophie Andresky: „Als Verbalerotikerin gefällt mir das. Maximales Sex-Vokabular auf engstem Raum. Kleine Pointe am Schluss.“

 

4. Preis: Susanne Schlabbach mit „Seniorensport“ / Markus Peters mit „Der Müffler“

Dominanz

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Juror Matthias Matting: „Susanne Schlabbach beschreibt in Seniorensport einfühlsam, realis-tisch, nicht romantisierend, aber doch auf ungewöhnliche Weise romantisch, wie sich Sex im Alter anfühlt.“ Jurorin Ines Witka: „Markus Peters hat viel Schwung und Humor. Er beschreibt eine Obses-sion, mit der er diese Standardsituationen – er sieht sie, sie sieht ihn, sie wollen sich sofort, beide sind sehr attraktiv – gekonnt aushebelt. Der Schreibwettbewerb und die Texte, die daraufhin eingereicht wurden, sind immer wieder im Heimlichen Auge 30 sichtbar.

 

Vom Tango zu Tangas: Über die Abecedarien

Erotisches Schreiben ABCDarium

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In der runden Nummer 30 des Jahrbuchs ist auch "Das Wörterbuch der Erotik" erschienen. Grundlage dazu war die Auswertung der Abecedarien aus dem Schreibwettbewerb.
Es gab ca. 130 Einsendungen, etwa ein Drittel von Männern, zwei Drittel von Frauen, lesbisch, hetero, bi, wenige schwul. Die haben wir zusammengefasst: Ein kleines Erotik-Wörterbuch 2015.

Sunita Sukhana machte sich ihre Gedanken dazu:
Obwohl die Abecedarien nur Aneinanderreihungen von Wörtern sind, lässt sich von der unterschiedlichen Wortwahl von Frauen und Männern (auch in Zeiten der Gendervielfalt) manches über heutige Geschlechterrollen, typische Wünsche und Fantasien und den Umgang mit Sex in der Gesellschaft erfahren.
Auffällig ist, dass bei den Männern neben Begriffen aus den klassischen Themengebieten Anal und Brüste mehr explizite Fachbegriffe aus Pornos vorkommen als bei den Frauen, wie „Cumshot“, „Youporn“, „MILF“ usw. Das wirkt, als würden Männer von Pornos lernen, was für sie erotisch ist.
Auch „Fisting“ kam bei Männern verhältnismäßig oft vor. „Fisting“ haben vermutlich nur wenige heterosexuelle Männer praktiziert – aber schon die Jungs in meiner Schule (vor wenigen Jahren) haben sehr gerne da rüber geredet (während Mädchen nicht wussten, was es ist.) Vermutlich haben sie es aus lesbischen Szenen in Hetero-Pornos. Auch in den Abecedarien der Frauen kam „Fisten“ vor: von einigen Autorinnen der Beiträge mit lesbischer Thematik.
Überraschend war auch, dass nur ein einziger Mann den Begriff „Blow Job“ gewählt hat. Da musste ich kurz an den Film „Supersüß und Supersexy“ denken, in dem Peter der Protagonistin Christina in einem Traum erklärt, dass Männer gar keinen Oralsex mögen und dass das nur ein Gerücht aus den 50ern sei. Nun ja, das ist wohl trotzdem nicht wahr, immerhin wurde „Oralverkehr“ öfter genannt.
Wer hätte außerdem gedacht, dass es die Männer sind, die Begriffe wie „Ja-Wort“ und „Hochzeit“ in ihr Abecedarium aufnehmen, obwohl sie doch angeblich viel seltener bei Erotik an das Wort „Liebe“ denken als die Frauen. Frauen auf der anderen Seite sehen traditionell weibliche Angelegenheiten wie die „Schwangerschaft“ als erotisch an.
Bei den Abecedarien der Frauen ist auffallend, dass das „Geheimnis“, der „Fremde“, der „Unbekannte“, aber auch die „Untreue“ und das „Fremdgehen“ häufig vorkommen, während letztere beiden von keinem einzigen Mann genannt werden. Ist die Untreue eine weibliche Fantasie? Haben Frauen vielleicht häufiger heimliche Affären als Männer? Gehen Männer in festen Beziehungen zu Huren und schauen Pornos an? Oder ist die Untreue vielleicht für Frauen noch ein Tabu und somit reizvoll, während sie für Männer schon Banalität ist?
So kann man endlos weiter analysieren und Vermutungen anstellen. Wieso wählen die Männer viel häufiger das Wort „Rasieren“ als die Frauen? Wieso verbinden so viele Frauen Erotik mit „Chaos“? Wieso denken Frauen oft an die „Hingabe“, Männer hingegen gar nicht? Und kann man vielleicht sogar Altersunterschiede allein an den gewählten Begriffen erkennen, wenn die einen durch „Tango“, die anderen durch „Tangas“ erregt werden?
Auch der am häufigsten genannte Begriff regt zum Nachdenken an. Bei den Männern ist es die „Lust“, bei den Frauen (mit Abstand) der „Orgasmus“.

 

Ein Quicke - ein Wettweberg von sechs Minuten, geschrieben auf der Buchpremiere zu
Dirty Writing. Vom Schreiben schamloser Texte

Eros in der Kunst Bildimpuls erotisches Schreiben Ines Witka

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Schreibzeit 6 Minuten

Entscheidungszeit der Jury: in der Pause

Es wurde so eifrig geschrieben, dass wir in der kurzen Zeit der Pause gut zu tun hatten die Quickies, deren Thema auch der Quicke sein sollten, zu lesen.